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Fast 30 Jahre Chapati

Ein Rückblick von Hamid. Über das eigene Brot, Berlin und die Menschen, die aus einer Marke eine Geschichte gemacht haben.
24. September 2026 durch
Fast 30 Jahre Chapati

Ein Rückblick von Hamid

Wenn ich heute durch alte Fotos von Chapati gehe, passiert etwas Merkwürdiges. Ich sehe natürlich Kleidung. Aber eigentlich sehe ich etwas anderes.

Ich sehe Menschen. Ich sehe Berlin. Ich sehe meine Kinder, als sie noch Kinder waren. Menschen, die für uns gearbeitet haben. Menschen, die vor unserer Kamera standen. Freunde. Kunden. Begegnungen. Und manchmal sehe ich mich selbst und denke: Mein Gott, war ich jung.

01 / Der Anfang

Es entstand mitten im Leben

Am Anfang war Chapati kein perfekt geplantes Unternehmen. Es war ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen.

Auf einem alten Foto sitze ich mit einer Wasserpfeife. Daneben Menschen, mit denen wir damals zusammen waren, und natürlich ein Papagei. Das Bild ist vor ungefähr 28 Jahren entstanden, ganz am Anfang von Chapati.

Menschen kamen zusammen. Man saß zusammen, redete, arbeitete, feierte, lernte andere kennen. Langsam entwickelte sich etwas, das wir damals wahrscheinlich noch gar nicht „Community“ genannt hätten.

Chapati begann nicht am Reißbrett als perfekt geplante Marke. Es entstand mitten im Leben. Und dahinter stand von Anfang an eine Idee von Freiheit. Eine Idee, die eigentlich noch viel älter war.

Was mein Großvater mir mitgab

„Verdiene dein eigenes Brot. Steh auf deinen eigenen Beinen. Dann bist du unabhängig.“

Der Anfang von Chapati

02 / Warum eigentlich Chapati?

Das eigene Brot

Mein Großvater sagte sinngemäß etwas zu mir, das mich mein ganzes Leben begleitet hat. Verdiene dein eigenes Brot. Steh auf deinen eigenen Beinen. Dann bist du unabhängig.

Und wenn jemand vor dir in der Sonne steht, musst du ihn nicht darum bitten, keinen Schatten auf dich zu werfen. Du kannst deinen eigenen Platz suchen.

Dieses Bild ist mir geblieben. Das eigene Brot bedeutete für mich nie nur Geld. Es bedeutete Würde. Selbstständigkeit. Die Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen.

Vielleicht musste ich diese Freiheit besonders suchen. Ich hatte lange das Gefühl, dass mir erklärt wurde, wie man sein sollte. Was richtig ist. Was falsch ist. Was man macht. Was man nicht macht.

Und dann kam Berlin.

Person in einem bordeauxroten Chapati-Lagenrock mit langer Kapuze zwischen verwitterten Holztoren

Eigene Formen, eigene Wege. Aus dem Chapati-Archiv.

03 / Berlin

Berlin war ein Freiraum

Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um eine Modemarke zu erfinden. Ich glaube eher, Berlin hat mir erlaubt, der Mensch zu werden, der eine solche Marke überhaupt machen konnte.

Ich fand hier Menschen, bei denen ich nicht ständig erklären musste, warum ich etwas anders machen wollte. Menschen, die selbst anders waren. Menschen, die ausprobierten, scheiterten, wieder anfingen, liebten, tanzten, arbeiteten und manchmal einfach machten.

Deutschland war für mich manchmal mit Regeln, Erwartungen und Vorstellungen verbunden, in die ich nicht richtig hineinpasste. Berlin zeigte mir eine andere Seite dieses Landes. Hier konnte ich ein Zuhause finden. Meine zweite Heimat.

Und hier traf ich Menschen, die meine Kleidung nicht nur kauften. Sie verstanden sie. Vielleicht sogar besser, als ich es damals erklären konnte.

Person in petrolfarbenem Chapati-Oberteil mit Kapuze, brauner Samthose und orangefarbenen Stulpen an einer Berliner Straße

Petrol, Braun, Orange. Warum eigentlich nicht?

04 / Kleidung kann sprechen

Ein Blick. Ein Lächeln.

Zwei Menschen mussten nicht dieselbe Sprache sprechen. Manchmal reichte ein Mantel. Eine Kapuze. Eine bestimmte Farbe. Man erkannte etwas voneinander.

Auf der Straße begegneten sich Menschen in Chapati. Ein Blick. Ein Lächeln. Eine Bemerkung über ein Kleidungsstück. Und aus Fremden entstand für einen Moment etwas Vertrautes.

Genau daraus sind für mich später die Chapati People geworden. Nicht aus einer Marketingidee. Die Menschen waren längst da. Wir hatten ihnen nur noch keinen Namen gegeben.

Wir wollten nie Kleidung machen, die sich versteckt. Bequemlichkeit musste für mich nie bedeuten, langweilig auszusehen. Weiche, angenehme Materialien. Dazu kräftige, manchmal unerwartete Farbkombinationen. Ein Mensch soll sich in seiner Kleidung wohlfühlen und trotzdem sichtbar bleiben.


05 / Die Kinder

Kinder sollten Kinder sein

Und das galt genauso für Kinder. Die beiden Jungs auf diesem Bild sind meine Söhne.

Auch Kinderkleidung musste für uns nicht aussehen wie eine verkleinerte Version dessen, was Erwachsene für vernünftig hielten. Kapuzen. Unterschiedliche Taschen. Farben. Bewegungsfreiheit. Verspieltheit. Weiche Baumwolle direkt auf der Haut.

Kleidung, in der Kinder eben Kinder sein konnten.

Heute schaue ich auf dieses Foto natürlich anders. Denn plötzlich schaut man nicht mehr nur auf eine Kollektion. Man schaut auf seine eigenen Kinder vor vielen Jahren. Und spätestens dann merkt man, dass ein Archiv keine Ansammlung alter Produktfotos ist. Es ist ein Stück Leben.

Drei Kinder in farbenfroher Chapati-Kleidung mit großen Kapuzen in einem Garten

Die Kinderkollektion. Mittendrin: meine Söhne.

06 / Der Derwisch

Stoff, der mit uns lebt

Beim Drehen passiert etwas Faszinierendes. Der Körper bewegt sich. Der Stoff bewegt sich. Alles scheint in Bewegung zu sein, und trotzdem liegt darin eine unglaubliche Ruhe.

Manche Formen bei Chapati entstanden aus Bildern, die mich schon lange beschäftigt hatten. Eines davon war der tanzende Derwisch. In seiner Mitte. Im Gleichgewicht. Ganz bei sich selbst.

Mich interessierte nie, traditionelle Kleidung einfach nachzumachen. Mich interessierte dieses Gefühl. Was passiert mit einem Kleid, wenn ein Mensch läuft? Was passiert mit einem Mantel, wenn er sich dreht? Kann Stoff eine Bewegung sichtbar machen?

Darum gab es Röcke und Kleider, die sich beim Gehen und Drehen öffneten, fast wie eine Blüte. Kleidung sollte nicht nur auf einem Bügel funktionieren. Sie sollte mit einem Menschen leben.

Drei Personen in langen roten und schwarzen Chapati-Kleidern beim Feuerspiel vor einer Graffitiwand

Bewegung, Stoff und Berliner Freiheit. Aus dem Chapati-Archiv.

07 / Der Lotus

Geborgen. Und trotzdem offen.

Aus einer anderen Beobachtung entstand eine weitere Form, die später sehr typisch für Chapati wurde. Mich faszinierte die Lotusblüte. Wie sich ihre Blätter öffnen. Wie mehrere Ebenen zusammen eine Form ergeben.

Daraus entstanden Kapuzen mit Falten, die das Gesicht einrahmten. Fast schützend, ohne sich zu verschließen. Geborgen und trotzdem offen.

Aber irgendwann wurde aus dieser Idee noch etwas ganz anderes.

Person mit helltürkiser, bestickter Chapati-Kapuze und Stoffdetails am Oberteil

Die Kapuze als Form und Rahmen.

Kling.
Klang.
Kling.

Manchmal kündigte die Kleidung ihre Trägerin schon an, bevor sie überhaupt den Raum betrat. Die Zipfelkapuzen mit ihren kleinen Glöckchen waren ein Stück gelebter Selbstbestimmung.

08 / Die Zipfelkapuzen

Hier bin ich

Wer Chapati aus dieser Zeit kennt, kennt wahrscheinlich auch sie: die langen Zipfelkapuzen. Teilweise mit kleinen Glöckchen am Ende. Sie wurden damals ein richtiger Hype.

Und vielleicht erzählen gerade diese Kapuzen ziemlich gut, was für Menschen Chapati getragen haben. Denn dafür brauchte man Selbstbewusstsein. Man zog so etwas nicht an, um möglichst unauffällig durch die Welt zu gehen.

Du kamst irgendwo herein und wurdest gesehen. Und manchmal wurdest du sogar gehört. Die kleinen Glöckchen kündigten einen schon an.

Das war verspielt, ein bisschen verrückt und sehr selbstbewusst. Fast wie eine kleine Erklärung. Hier bin ich. Nicht: Schaut alle auf mich. Sondern: Ich muss mich nicht verstecken.

Heute muss ich darüber manchmal lächeln. Denn wir haben Menschen tatsächlich Kleidung verkauft, die beim Laufen Geräusche machte. Und sie liebten es.

Wir durften spielen. Wir hatten eine eigene Handschrift. Nicht jeder musste sie mögen. Das war auch nie der Sinn. Aber man konnte sie erkennen.

Lachende Person in einem olivgrünen Chapati-Samtoberteil mit langer Zipfelkapuze

Die Zipfelkapuze mit Glöckchen. Ein Chapati-Klassiker.

Ein Satz meiner Mutter

„Was vom Herzen kommt, sitzt im Herzen.“

Manches versteht man erst mit der Zeit.

09 / Was von Herzen kommt

Es bleiben die Menschen

Je älter ich werde, desto besser verstehe ich den Satz meiner Mutter. Vielleicht kann man Menschen kurzfristig mit sehr vielen Dingen beeindrucken. Mit Werbung. Status. Großen Worten. Schönen Fassaden. Aber was wirklich bleibt, funktioniert anders. Es muss irgendwie echt gewesen sein.

Chapati war für mich nie einfach ein Unternehmen. Es war über sehr viele Jahre ein Teil meines Lebens. Manchmal wahrscheinlich ein viel zu großer Teil.

Meine Familie war darin. Meine Kinder. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Reisen. Indien. Berlin. Freundschaften. Streit. Erfolge. Fehler. Verrückte Ideen. Nächte, in denen wir gearbeitet haben. Und vor allem sehr viele Menschen, die uns über Jahre begleitet haben.

Wenn ich diese alten Gesichter sehe, denke ich nicht zuerst an die Kleidungsstücke. Ich denke an die Zeit. An die Menschen dahinter. Und daran, wie viele Lebensgeschichten sich mit Chapati gekreuzt haben.

Zwei Frauen aus dem Chapati-Archiv, eine mit Blumenkranz im Haar, die andere in einem roten Oberteil

Menschen, Gesichter, Erinnerungen. Aus dem Chapati-Archiv.

10 / Generationen

Manche kommen mit ihren Kindern zurück

Das vielleicht Schönste erlebe ich heute im Laden. Plötzlich steht da eine zweite Generation.

Menschen kommen herein, die Chapati seit vielen Jahren kennen. Manche erzählen mir, wann sie ihr erstes Stück gekauft haben. Andere besitzen Sachen von uns, die sie seit zehn oder fünfzehn Jahren tragen. Und manche kommen inzwischen mit ihren Kindern.

In den vergangenen Monaten haben uns Menschen erzählt, wie traurig sie waren, als sie glaubten, Chapati würde verschwinden. Und wie sehr sie sich freuen, dass es nun doch weitergeht. Anders. Vielleicht bewusster. Aber weiter.

In solchen Momenten versteht man erst, dass man offenbar mehr hinterlassen hat als Stoff, Nähte und Rechnungen.

11 / Der Bruch

Ein Ende löscht nicht alles aus

Zur Geschichte gehört auch das. Die alte Chapati Design GmbH gibt es in dieser Form nicht mehr. Das war kein schöner Teil der Geschichte.

Es gab Enttäuschungen. Fehler. Verlust. Unsicherheit. Dinge, die ich anders hätte machen sollen und Dinge, die außerhalb meiner Möglichkeiten lagen.

Ich möchte diesen Teil weder verstecken noch zum Mittelpunkt von allem machen. Denn eine lange Geschichte lässt sich nicht auf ihr schwierigstes Kapitel reduzieren.

Ein Ende löscht nicht aus, was davor gewesen ist. Und vielleicht entscheidet sich gerade an einem Ende, was wirklich wichtig war.

12 / Was bleibt?

Eine Art, Dinge zu machen

Ich habe mich das selbst gefragt. Bleibt ein Firmenname? Ein Logo? Ein Laden? Eine Kollektion?

Ich glaube inzwischen: Nein. Es bleiben die Menschen. Es bleiben Erinnerungen. Es bleibt eine bestimmte Art, Dinge zu machen. Und es bleibt dieses merkwürdige Gefühl, wenn sich zwei Menschen erkennen, obwohl sie sich noch nie begegnet sind.

Deshalb bedeutet The Chapati People für mich heute viel mehr als ein schöner Begriff. Es beschreibt etwas, das eigentlich schon immer da war.

Was uns verbindet

[ NO SLOGAN. ]
[ NO STATUS. ]

just People.

Jung oder alt. Laut oder leise. Verrückt oder zurückhaltend. Menschen, die sich nicht verkleiden müssen, um irgendwo hineinzupassen.

13 / Und jetzt?

Wir schauen zurück. Aber wir gehen nach vorne.

Jetzt sitze ich manchmal da und schaue mir diese alten Fotos an. Ich lächle. Manchmal werde ich wehmütig. Natürlich. So eine lange Zeit verschwindet nicht einfach aus einem Menschen.

Aber ich möchte nicht zurück. Ich möchte etwas von damals mitnehmen. Die Freiheit. Die Neugier. Die Farben. Die Verrücktheit. Das Menschliche. Und vielleicht manches weglassen, von dem ich heute weiß, dass wir es nicht mehr brauchen.

Wir müssen Chapati nicht noch einmal genauso machen. Wir dürfen Chapati weitererzählen. Mit Gisela. Mit unserer Familie. Mit den Menschen, die geblieben sind. Mit denen, die uns gerade erst entdecken. Und mit all den Chapati People, die diese Geschichte überhaupt erst möglich gemacht haben.

Chapati Forever / Heute

Danke, dass ihr Teil dieser Geschichte seid

Wenn ich heute auf diese alten Bilder schaue, empfinde ich deshalb nicht Traurigkeit. Ich empfinde Dankbarkeit. Und auch Stolz. Nicht darauf, dass alles perfekt gewesen wäre. War es nicht.

Sondern darauf, dass aus der Idee eines jungen Mannes, der sein eigenes Brot verdienen und auf seinen eigenen Beinen stehen wollte, etwas entstanden ist, das Menschen sehr lange begleitet hat.

Mein Großvater hatte vielleicht recht. Das eigene Brot gibt einem Freiheit. Und meine Mutter hatte vielleicht auch recht. Was vom Herzen kommt, sitzt im Herzen. Berlin hat mir den Raum dazwischen gegeben.

Hamid & Gisela

Die Geschichte geht weiter

Zu uns gehört die Marke Chapati Design Berlin. Die aktuellen Modelle findet ihr online und bei uns in der Oranienstraße 22 in Berlin-Kreuzberg.

Der Herbst kommt. Und mit ihm die ersten neuen Stücke.
Strick-Jacquard, Samt, Brokat und Merinowolle. Die ersten Modelle der Herbst-/Winterkollektion sind da.