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Merinoschafe auf einer Weide

Materialkunde

Merinowolle

Eine Faser, die zu fein ist, um zu kratzen, die Wärme abgibt, wenn sie feucht wird, und die nach dem Tragen weniger riecht als jede andere. Hier steht, warum das so ist und was davon sich belegen lässt.

01 — Die Faser

Warum sie nicht kratzt

Dass feine Wolle nicht kratzt, stimmt. Der Grund ist nur ein anderer, als die meisten denken.

Merinowolle liegt je nach Qualität zwischen etwa 16,5 und 24 Mikrometern Faserdurchmesser. Gröbere Schafwolle erreicht 40 Mikrometer und mehr, ein menschliches Haar rund 50 bis 70. Den Kratzreiz löst aber nicht die Dicke einer Faser aus. Es ist ein einzelnes Faserende, das senkrecht auf die Haut drückt und dabei nicht nachgibt. Es sticht, statt sich zu biegen.

Diese Schwelle lässt sich messen. Ab etwa 0,75 Millinewton empfindet die Haut den Reiz als unangenehm1, und so viel Kraft bringen nur Fasern über rund 30 Mikrometern auf. Daraus ist ein Maß geworden, mit dem die Wollindustrie bis heute arbeitet: der Anteil der Fasern über 30 Mikrometern. Liegt er über etwa fünf Prozent, empfinden die meisten Träger einen Stoff als kratzig2.

Bei feiner Merinowolle liegt praktisch keine Faser darüber. Deshalb kommt es weniger auf die Herkunft an als auf die Sortierung. Und deshalb lässt sich guter Merinostoff direkt auf der Haut tragen, ohne Shirt darunter.

Mantel aus Merinowolle, Modell Natalia

02 — Die Kräuselung

Warum sie wärmt, ohne schwer zu sein

Eine Merinofaser ist nicht gerade. Sie windet sich spiralförmig, weil zwei ungleiche Zellhälften in ihrem Inneren bei Feuchtigkeit unterschiedlich stark quellen und sie so unter Spannung setzen3.

Das hat eine Folge, die man sofort spürt. Im Garn liegen die Fasern nicht flach aneinander, sondern halten Abstand. Zwischen ihnen steht Luft, und ruhende Luft leitet Wärme schlecht. Ein Wollstoff wärmt also nicht, weil er dick ist, sondern weil er voller kleiner Luftkammern steckt.

Dieselbe Windung wirkt wie eine eingebaute Sprungfeder. Sie zieht die Faser nach jeder Dehnung wieder in ihre Form zurück. Ein Merinomantel, der abends über der Stuhllehne hing, sieht am Morgen aus wie am Tag zuvor.

03 — Feuchtigkeit

Warum sie im Regen wärmer wird

Wer an einem nassen Novembertag im Wollmantel vor die Tür tritt, spürt es. Der Mantel wird wärmer statt klamm.

Das ist keine Redewendung, sondern Physik. Wolle ist außen wasserabweisend und innen wasseranziehend. Die Faseroberfläche lässt Tropfen abperlen, während das Faserinnere Wasserdampf aufnimmt. Bei hoher Luftfeuchte kann das bis zu einem Drittel des Eigengewichts sein, ohne dass sich der Stoff nass anfühlt4.

Und wenn sich dieses Wasser an die Faser bindet, wird Energie frei. Der Vorgang heißt Sorptionswärme und lässt sich messen. Trockene Wolle kommt dabei auf etwa 100 bis 115 Joule je Gramm. Baumwolle erreicht rund 46, Polyester und Acryl gerade einmal 5 bis 74.

Umgekehrt funktioniert es genauso. Verdunstet die aufgenommene Feuchtigkeit wieder, entzieht das dem Stoff Wärme und kühlt. Wolle ist deshalb kein reiner Winterstoff. Dieselbe Faser, die im November wärmt, arbeitet im Sommer als leise Klimaanlage.

  • 100–115

    Joule je Gramm Sorptionswärme bei Wolle

  • 46

    Joule je Gramm bei Baumwolle

  • 5–7

    Joule je Gramm bei Polyester und Acryl

04 — Geruch

Warum sie selten gewaschen werden muss

Ein Merinopullover riecht nach mehreren Tagen Tragen deutlich weniger als ein Shirt aus Polyester. Das ist keine Werbebehauptung.

In einem Tragversuch trugen Testpersonen mehrere Tage lang Stoffproben aus Wolle, Baumwolle und Polyester, danach wurde der Geruch bewertet. Polyester roch am stärksten, Wolle am schwächsten5.

Spannend ist, warum das so ist. Überall liest man von antibakteriellem Keratin oder einem schützenden Lanolinfilm. Belegen lässt sich beides nicht6. Lanolin ist nach dem Waschen der Rohwolle ohnehin fast vollständig entfernt7. Der wahre Grund ist viel einfacher. Geruch entsteht, wenn Hautbakterien den Schweiß an der Stoffoberfläche zersetzen. Genau da setzt Merinowolle an: Sie zieht die Feuchtigkeit tief ins Innere der Faser, weg von der Oberfläche. Zersetzt wird sie dort trotzdem, aber die Geruchsstoffe bleiben gebunden und gelangen kaum in die Luft. Und was man nicht riecht, stört auch nicht.

Das Beste daran: Die Faser erledigt den Rest von selbst. Einfach über Nacht ans offene Fenster hängen, gern bei feuchter Luft, und am Morgen ist der Pullover wieder frisch. In die Wäsche muss er nur selten. Das schont die Faser, spart Wasser und freut alle, die unterwegs mit wenig Gepäck auskommen wollen.

05 — Herkunft

Mulesingfrei, und wie wir das wissen

Mulesing ist ein Eingriff, bei dem Lämmern Hautfalten am Hinterteil entfernt werden, um Fliegenmadenbefall vorzubeugen. Er ist schmerzhaft und vielerorts weiterhin erlaubt.

Neuseeland hat ihn zum 1. Oktober 2018 verboten8. In Australien, woher rund drei Viertel der Merinowolle weltweit stammen, ist er weiterhin zulässig, und nur ein Bundesstaat schreibt wenigstens eine Schmerzbehandlung vor. „Mulesingfrei" ist deshalb keine Selbstverständlichkeit. Die Angabe muss belegt sein.

Unsere Merinowolle stammt aus einer zertifizierten Lieferkette, die Mulesing ausschließt. Der Nachweis reicht von der Farm bis zu dem Betrieb, bei dem wir einkaufen.

Geprüft wird dabei nicht nur, dass auf den Eingriff verzichtet wird. Auch der Weg der Wolle wird verfolgt, damit sie unterwegs nicht mit ungeprüfter Ware vermischt wird.

06 — Pflege

Was auf dem Etikett steht

Und warum es dort steht.

Etikett im Kleidungsstück mit der Zusammensetzung 100 % Merinowolle und den Pflegesymbolen: Handwäsche, nicht bleichen, nicht im Trockner, Bügeln bei niedriger Temperatur, chemische Reinigung P
  • Handwäsche, kalt Wärme und Bewegung zusammen lassen die Schuppen der Fasern ineinandergreifen. Der Stoff verfilzt und wird kleiner, und das lässt sich nicht rückgängig machen.
  • Feinwaschmittel verwenden Wollwaschmittel kommt ohne Proteasen aus. Diese Enzyme spalten Eiweiß, und Wolle besteht fast vollständig daraus. Universalwaschmittel greift die Faser deshalb an, oft sichtbar erst nach mehreren Wäschen.
  • Nicht bleichen Chlor zerstört die Faserstruktur und vergilbt die Wolle.
  • Nicht in den Trockner Hitze und Trommelbewegung sind genau die Kombination, die verfilzt.
  • Im feuchten Zustand in Form ziehen, liegend trocknen Nasse Wolle ist schwer und dehnt sich unter ihrem eigenen Gewicht. Auf dem Bügel zieht sich ein Mantel in den Schultern lang. Auf einem Handtuch liegend behält er seine Form.
  • Bügeln bei niedriger Temperatur Ein Punkt, etwa 110 Grad. Höhere Hitze macht die Faser spröde.
  • Chemische Reinigung P Für Mäntel und gefütterte Teile der sichere Weg. Jede Reinigung kennt das Zeichen.

Zwischen den Saisons

Vor dem Einlagern auslüften und nicht frisch gewaschen wegpacken. Auf einen breiten Bügel oder locker gefaltet, nicht in Plastik, denn Naturfasern brauchen Luft. Gegen Motten hilft ein Lavendelsäckchen. Was Motten anzieht, sind vor allem Schweiß- und Speisereste im Gewebe.

Nicht in direkter Sonne trocknen oder lagern. UV-Strahlung baut die Eiweißstruktur ab, die Faser wird spröde und verliert ihre Rückstellkraft.

07 — Am Ende

Was die Erde zurücknimmt

Wolle ist ein Eiweiß. Im Boden bauen Mikroorganismen sie einfach ab und geben dabei Stickstoff, Schwefel und Magnesium frei, also Nährstoffe, die Pflanzen aufnehmen9. Ein Wollpullover kehrt am Ende dorthin zurück, wo er herkam.

Synthetikfasern können das nicht. Sie zerfallen in immer kleinere Teile, und die bleiben. Vieles davon entsteht schon in der Waschmaschine: Bei einer Waschladung von sechs Kilogramm Acryl wurden über 700.000 freigesetzte Fasern gezählt, bei Polyester rund 500.00010.

Darum steht die Pflegeanleitung weiter oben auf dieser Seite. Jede Wäsche, die ausfällt, spart Wasser, Strom und Waschmittel, bei Synthetik auch die Fasern. Denn ein großer Teil dessen, was ein Kleidungsstück über sein Leben an Ressourcen verbraucht, entsteht gar nicht bei der Herstellung, sondern danach, im Alltag. Wer seltener wäscht, verlängert also nicht nur die Lebensdauer seines Pullovers. Er verkleinert auch seinen Fußabdruck, ganz nebenbei.

Belege

Quellen

  1. Naylor, G. R. S.: Comfortable next-to-skin wool. Lehrunterlage, mit der Schwellenkraft von 0,75 mN nach Garnsworthy u. a. (1988). woolwise.com (PDF)
  2. Naylor, G. R. S.; Stanton, J. H.; Speijers, J.: Skin comfort of base layer wool garments. Part 2: Fiber diameter effects on fabric and garment prickle. Textile Research Journal, 2014. journals.sagepub.com
  3. Cortex Structure. Lehrunterlage zur Faserbiologie, zur bilateralen Anordnung von Ortho- und Paracortex und ihrer Rolle für die Kräuselung. woolwise.com (PDF)
  4. Wool: From Properties and Structure to Genetic Insights and Sheep Improvement Strategies. Übersichtsarbeit, Animals, 2025 — Feuchtigkeitsaufnahme und Sorptionswärme im Vergleich der Fasern. mdpi.com. Zur Wahrnehmung der Sorptionswärme grundlegend: Stuart, I. M.; Schneider, A. M.; Turner, T. R.: Perception of the Heat of Sorption of Wool. Textile Research Journal, 1989.
  5. McQueen, R. H.; Laing, R. M.; Brooks, H. J. L.; Niven, B. E.: Odor intensity in apparel fabrics and the link with bacterial populations. Textile Research Journal, 2007 — Tragversuch mit Wolle, Baumwolle und Polyester.
  6. Antibacterial Properties of Non-Modified Wool, Determined and Discussed in Relation to ISO 20645:2004. 2022 — kein Nachweis einer intrinsisch antibakteriellen Wirkung von Wolle. ncbi.nlm.nih.gov
  7. SGS: Residual grease on scoured wool. Technisches Merkblatt zur Wollprüfung — Restfettgehalt nach dem Waschen. sgs.com (PDF)
  8. Neuseeland: Verbot des Mulesing nach den Animal Welfare (Care and Procedures) Regulations, in Kraft seit 1. Oktober 2018. Bericht zur Rechtslage
  9. International Wool Textile Organisation: Wool Biodegradability. iwto.org. Zum Abbau im Boden und zur Stickstofffreisetzung: The Morphology of Wool Fibers Biodegraded in Natural Conditions in Soil. Journal of Natural Fibers, 2024.
  10. Napper, I. E.; Thompson, R. C.: Release of synthetic microplastic plastic fibres from domestic washing machines: Effects of fabric type and washing conditions. Marine Pollution Bulletin, 2016 — die Zahlen gelten für eine Waschladung von 6 kg. sciencedirect.com