01 — Zwei Ebenen
Rohstoff und Verarbeitung
Auf dem Etikett steht das Material, also 100 % Baumwolle oder 100 % Merinowolle. Der Stoff steht dort nicht, obwohl er mindestens ebenso viel ausmacht.
Das Material bringt mit, was sich später nicht mehr ändern lässt. Wie es sich auf der Haut anfühlt, wie es Feuchtigkeit aufnimmt, ob es wärmt und wie es altert. Darum geht es auf den Materialseiten.
Der Stoff entsteht erst danach. Aus derselben Baumwolle wird ein T-Shirt-Jersey, ein Hemdengewebe oder ein grober Strickpullover. Die drei haben außer der Faser wenig gemeinsam. Wer beim Kauf nur auf die Zusammensetzung schaut, sieht deshalb nur die halbe Antwort.
02 — Die Grundfrage
Gewebe oder Maschenware
Fast alles, was ein Stoff kann oder nicht kann, hängt an dieser Unterscheidung. Sie sagt mehr über ihn aus als die Faser.
Ein Gewebe besteht aus zwei Fadensystemen, die sich im rechten Winkel kreuzen. Die Kette läuft in Längsrichtung, der Schuss quer dazu1. Beide liegen gestreckt und sind nirgends geschlungen. Deshalb gibt ein Gewebe in Längs- und Querrichtung praktisch nicht nach. Dehnbar ist es nur schräg dazu, im sogenannten schrägen Fadenlauf. Ein gewebtes Hemd bekommt seine Beweglichkeit also vom Schnitt und nicht vom Stoff.
Eine Maschenware besteht dagegen aus Schlingen, die ineinandergehängt sind. Zieht man daran, richten sich die Schlingen auf und geben nach. Deshalb dehnt sich ein T-Shirt und ein Hemdenstoff nicht. Länger wird dabei kein Faden, es ändert sich nur die Form der Masche.
Daraus folgt fast alles Weitere.
- Gewebe knittern, Maschenware nicht. Ein gestreckter Faden behält den Knick, eine Schlinge federt zurück.
- Gewebe fransen, Maschenware läuft. An einer Schnittkante lösen sich beim Gewebe die Querfäden. Bei Maschenware fällt eine gerissene Masche aus der nächsten heraus, das ist die Laufmasche.
- Maschenware rollt sich ein. Bei einfacher Ware ziehen die Maschen die Schnittkante nach innen. Deshalb tragen T-Shirts einen angesetzten Halsbund.
- Maschenware verzieht sich, wenn sie nass hängt. Die Schlingen geben unter dem eigenen Gewicht nach. Deshalb steht auf Strick „liegend trocknen" und auf Hemden nicht.
Die meisten Pflegehinweise auf einem Etikett lassen sich damit erklären.
03 — Gewebe
Die drei Grundbindungen
Wie oft Kette und Schuss einander kreuzen, heißt Bindung. Es gibt drei Grundformen, von denen sich jedes gewebte Muster ableitet2.
Leinwandbindung
Die dichteste
Jeder Kettfaden läuft abwechselnd über und unter einem Schussfaden. Einfacher geht es nicht, und keine andere Bindung hat so viele Kreuzungspunkte. Wo sich viele Fäden kreuzen, reiben sie aneinander, und das hält den Stoff zusammen.
- Erkennen
- Vorder- und Rückseite sehen gleich aus, das Bild ist ein feines Schachbrett.
- Was daraus wird
- Hemdenstoffe, Leinengewebe, Batist, Popeline.
- Eigenschaften
- Sehr scheuer- und schiebefest, fällt eher steif, knittert am deutlichsten.
Köperbindung
Die bewegliche
Der Schussfaden überspringt mehrere Kettfäden, und der Ansatzpunkt verschiebt sich in jeder Reihe um eine Position. So entsteht die schräge Linie, die man auf jeder Jeans sieht. Sie heißt Köpergrat.
- Erkennen
- Diagonale Rippen auf der Vorderseite, Rückseite anders als die Vorderseite.
- Was daraus wird
- Denim, Gabardine, Futterstoffe, Hosenstoffe.
- Eigenschaften
- Hat weniger Kreuzungspunkte als Leinwand, fällt deshalb weicher und knittert weniger. Strapazierfähig ist sie trotzdem.
Atlasbindung
Die glänzende
Die Kreuzungspunkte liegen so weit auseinander, dass sie einander nicht berühren. Dazwischen liegen die Fäden lang und frei auf der Oberfläche, im Fachwort Flottungen. Das Licht trifft auf diese glatten Strecken, und der Stoff glänzt.
- Erkennen
- Eine glatte, glänzende Seite, eine matte. Kein sichtbares Muster im Bindungsbild.
- Was daraus wird
- Satin, Duchesse, Futterstoffe mit gleitender Innenseite.
- Eigenschaften
- Fällt fließend und gleitet gut. Die langen Flottungen sind allerdings empfindlich und ziehen leicht Fäden.
04 — Maschenware
Gestrickt oder gewirkt
Beide bestehen aus Maschen. Sie entstehen nur in verschiedenen Richtungen, und davon hängt ab, ob eine Laufmasche möglich ist.
Beim Stricken, fachlich Kulierware, läuft ein Faden quer und bildet eine Masche nach der anderen, Reihe über Reihe. Reißt eine Masche, hat die darüberliegende nichts mehr, woran sie hängt. Sie fällt heraus, die nächste ebenso, und das ergibt die Laufmasche.
Beim Wirken, der Kettenwirkware, arbeiten viele Fäden gleichzeitig in Längsrichtung, und jede Nadel bildet ihre Masche im selben Arbeitsschritt3. Jede Masche ist in mehrere Nachbarn eingebunden, deshalb gilt Kettenwirkware als laufmaschenfest. Erkennen kann man sie daran, dass die Maschen leicht schräg stehen statt gerade übereinander.
Unsere Strickteile sind Kulierware. Sie sind dehnbar und anschmiegsam, und eine beschädigte Masche sollte man reparieren lassen, bevor daraus eine Bahn wird. Wirkware findet sich vor allem in Futterstoffen und elastischen Bündchen.
05 — Die Stoffe
Was wir verarbeiten
Acht Stoffe, alle nach demselben Aufbau beschrieben. Wie er entsteht, woran man ihn erkennt, was daraus wird und worauf zu achten ist.
Jersey
Maschenware · gestrickt
Die einfachste Maschenware, eine einzige Maschenlage, rechts glatt und links mit sichtbaren Schlingen. Jersey steckt in den meisten Alltagsteilen. Er dehnt sich, wenn man sich bewegt, und geht danach wieder in seine Form zurück.
Weil er nur aus einer Lage besteht, rollen sich seine Schnittkanten nach innen ein. Die Maschen sind auf beiden Seiten unterschiedlich gespannt, das gehört zur Bauart. Deshalb bekommen T-Shirts einen angesetzten Halsbund und Säume eine doppelte Naht.
- Erkennen
- Vorder- und Rückseite sehen verschieden aus. Die Schnittkante rollt sich.
- Was daraus wird
- Shirts, Kleider, Hosen mit weichem Fall.
- Worauf achten
- Liegend trocknen. Nass am Bügel längt sich Jersey und kommt nicht zurück.
Strick, glatt und gerippt
Maschenware · gestrickt
Grober als Jersey, mit stärkerem Garn und größerer Masche. Bei glattem Strick zeigt die Vorderseite lauter gleiche Maschenstäbchen und wirkt dadurch ruhig.
Beim Rippstrick wechseln sich rechte und linke Maschen ab, meist eins zu eins. Der Stoff legt sich dadurch in Längsfalten und zieht sich quer stärker zusammen. Rippe dehnt sich weiter als jede andere Maschenware und federt kräftiger zurück, weshalb Bündchen, Kragen und Ärmelabschlüsse fast immer in Rippe gearbeitet sind.
- Erkennen
- Glatt: gleichmäßige senkrechte Stäbchen. Rippe: abwechselnd erhabene und vertiefte Längsstreifen.
- Was daraus wird
- Pullover, Strickjacken, Westen, dazu die Bündchen fast aller anderen Teile.
- Worauf achten
- Nicht am Bügel aufhängen, ein Strickteil zieht sich unter dem eigenen Gewicht in den Schultern lang. Gefaltet lagern.
Jacquard
Gewebt oder gestrickt · gemustert
Jacquard bezeichnet kein Gewebe, sondern ein Verfahren. Jeder einzelne Faden wird für sich gesteuert statt in Gruppen. Damit lässt sich ein beliebig großes Muster direkt in den Stoff einarbeiten.
Der Webstuhl dafür geht auf Joseph-Marie Jacquard zurück. Gesteuert wurde er über Lochkarten, eine Karte je Schuss. Es war die erste Maschine, die eine Lochkarte als binären Speicher benutzte4. Heute übernehmen elektromagnetische Steuerungen die Arbeit der Karten.
Für das Kleidungsstück heißt das, dass das Muster im Stoff liegt und nicht als Schicht darauf. Es kann nicht abblättern und nicht rissig werden. Ein gedrucktes Muster übersteht eine begrenzte Zahl von Wäschen, ein eingewebtes hält so lange wie der Stoff.
- Erkennen
- Die Rückseite zeigt das Muster spiegelverkehrt oder als Negativ. Bei Druck ist die Rückseite blass oder weiß.
- Was daraus wird
- Bei uns vor allem Strick-Jacquard: gemusterte Pullover, Jacken und Mäntel.
- Worauf achten
- Auf der Rückseite laufen die nicht sichtbaren Farbfäden mit. An ihnen bleibt man mit Schmuck leicht hängen.
Walk und Loden
Gestrickt oder gewebt · nachbehandelt
Walk wird absichtlich verfilzt. Unter Wärme, Feuchtigkeit und Bewegung quillt die Schuppenschicht der Wollfasern auf, die Fasern verhaken sich und ziehen sich zusammen5.
Das Ergebnis ist ein dichter, geschlossener Stoff, der Wind kaum durchlässt und trotzdem atmungsaktiv bleibt. Seine Schnittkanten fransen nicht und müssen nicht versäubert werden. Deshalb sieht man an Walkmänteln offene Kanten, wo andere Stoffe einen Saum brauchen.
Wollwalk wird gestrickt und dann gewalkt, Walkloden gewebt und dann gewalkt. Der gestrickte ist weicher und gibt mehr nach, der gewebte ist fester und formstabiler.
- Erkennen
- Geschlossene, leicht flauschige Oberfläche ohne erkennbare Maschen oder Fäden. Die Schnittkante liegt offen und franst nicht.
- Was daraus wird
- Mäntel, Jacken, Westen. Alles, was wärmen und Form halten soll.
- Worauf achten
- Nie warm waschen, sonst läuft er weiter ein. Lüften genügt fast immer.
Samt
Gewebe · mit Flor
Ein Gewebe mit einem dritten Fadensystem. Zusätzlich zu Kette und Schuss stehen Polfäden senkrecht aus der Fläche heraus. Sie werden eingewebt und dann aufgeschnitten, sodass viele kurze Faserenden aufrecht stehen.
Der Flor liegt in eine Richtung und wirft das Licht entsprechend zurück. Daher wirkt Samt je nach Blickrichtung heller oder dunkler. Beim Nähen muss deshalb jedes Schnittteil in derselben Florrichtung liegen, sonst wirken Vorder- und Rückenteil wie zwei verschiedene Farben.
- Erkennen
- Streicht man mit der Hand darüber, ändert sich der Farbton. Eine Richtung fühlt sich glatt an, die andere raut.
- Was daraus wird
- Bei uns vor allem Futter in Mänteln und Jacken, weil er beim Anziehen über andere Kleidung gleitet.
- Worauf achten
- Nicht pressen und nicht bügeln, ein niedergedrückter Flor stellt sich nicht wieder auf. Stattdessen über Dampf hängen.
Brokat
Gewebe · schwer gemustert
Ein schweres, dicht gewebtes Tuch, dessen Muster durch zusätzliche Schussfäden entsteht, oft glänzend und historisch mit echten Metallfäden. Brokat ist dadurch schwerer und steifer als ein gewöhnliches Gewebe und hält seine Form.
In unserer Kollektion steckt er vor allem in den Archivmodellen von Chapati, meist mit Futter. Die Rückseite ist wegen der mitlaufenden Musterfäden rau und gehört nicht auf die Haut.
- Erkennen
- Erhabenes, oft glänzendes Muster auf mattem Grund. Rückseite mit langen, quer laufenden Fäden.
- Was daraus wird
- Mäntel und Jacken mit fester Silhouette.
- Worauf achten
- Die Musterfäden liegen frei und ziehen leicht. Für gefütterte Teile ist die chemische Reinigung meist der sichere Weg.
Leinen-Baumwoll-Gewebe
Gewebe · Leinwandbindung
Flach gewebt, meist in Leinwandbindung. Die Oberfläche ist leicht unregelmäßig, weil Flachs nie ganz gleichmäßig dick ist.
Beide Fadensysteme liegen gestreckt und keine Masche gibt nach, deshalb knittert dieser Stoff sichtbar. Ein Leinenhemd, das aussieht wie gebügeltes Polyester, ist entweder keines oder chemisch ausgerüstet.
- Erkennen
- Sichtbare Webstruktur, leicht unregelmäßige Fadenstärke, kühl auf der Haut.
- Was daraus wird
- Hemden, Blusen, weite Hosen für den Sommer.
- Worauf achten
- Leicht feucht bügeln. Mit jeder Wäsche wird der Stoff weicher.
Viskosegewebe
Gewebe · glatt fallend
Glatt gewebt aus einer Faser, deren Stärke beim Spinnen festgelegt wird. Sie ist dadurch gleichmäßiger als jede gewachsene Faser, und die Oberfläche wirkt ruhig und geschlossen. Der Fall ist schwer und fließend.
Viskose nimmt Farbe tiefer auf als Baumwolle. Deshalb bestehen die gemusterten und bedruckten Teile der Kollektion fast immer aus diesem Stoff, die Farben stehen darauf satter.
- Erkennen
- Glatt, kühl, mit deutlichem Fall. Kein Glanz wie Satin, aber auch keine sichtbare Struktur wie Leinen.
- Was daraus wird
- Bedruckte Hemden, Blusen, Kleider, weite Hosen.
- Worauf achten
- Nass ist Viskose empfindlich. Schonend waschen, nicht auswringen, liegend trocknen.
06 — Beim Kauf
Woran man es festmachen kann
Drei Fragen, die mehr über ein Kleidungsstück sagen als die Zusammensetzung auf dem Etikett.
Gibt der Stoff nach, und wo?
Ziehen Sie ihn in Längs- und in Querrichtung. Gibt er in beiden Richtungen nach, ist es Maschenware, und das Teil passt sich an. Gibt er nur diagonal nach, ist es ein Gewebe, und dann muss der Schnitt die Bewegung leisten.
Wie sieht die Rückseite aus?
Bei einem eingewebten oder eingestrickten Muster ist die Rückseite mitgemustert, spiegelverkehrt oder als Negativ. Ist sie blass oder weiß, wurde das Muster aufgedruckt. Ein Druck übersteht nur eine begrenzte Zahl von Wäschen.
Was steht im Pflegehinweis, das dort nicht stehen müsste?
„Liegend trocknen" steht auf Maschenware, die sich nass verzieht. „Nicht bügeln" steht oft auf Stoffen mit Flor, der sich nicht wieder aufstellt. Was die einzelnen Zeichen bedeuten, steht in der Übersicht.
Belege
Quellen
- Zur Definition des Gewebes als Flächengebilde aus zwei sich rechtwinklig kreuzenden Fadensystemen und zur Abgrenzung von der Maschenware: Unterscheidung von Maschenware und Gewebe. eysan.com.tw
- Zu den drei Grundbindungen und ihren Eigenschaften: Bindungslehre. de.wikipedia.org sowie Gewebe: Leinwandbindung / Köperbindung / Atlasbindung. fashion-base.de
- Zum Unterschied zwischen Kulierware und Kettenwirkware und zur Laufmaschenfestigkeit: Gewirke (Textil). de.wikipedia.org
- Zum Jacquardwebstuhl, zur Steuerung über eine Lochkarte je Schuss und zu ihrer Rolle als frühe binäre Speichertechnik: Jacquardwebstuhl. de.wikipedia.org
- Zum Walkvorgang, zum Aufquellen der Schuppenschicht und dazu, dass gewalkte Stoffe nicht ausfransen: Walkloden. pattydoo.de sowie Wollwalk, Loden, Wollfleece und Walkfilz — die Unterschiede. naturkindmagazin.de