Zum Inhalt springen

Ich suche, was schwer zu finden ist.

Über den kleinen schwarzen Fisch, meinen eigenen Weg, die Sprache meiner Entwürfe und die Freiheit meiner Kinder
6. November 2026 durch
Ich suche, was schwer zu finden ist.
| Noch keine Kommentare

Zwischen den Fäden · Hamids Blick auf die Welt · Folge 2

1. Der kleine schwarze Fisch

Ich suche, was schwer zu finden ist. Vielleicht begleitet mich dieser Satz schon mein ganzes Leben. Nicht, weil ich wüsste, wo die Antwort liegt. Sondern weil ich nie aufhören wollte, Fragen zu stellen. Warum leben wir, wie wir leben? Wer entscheidet, welcher Weg für uns richtig ist? Und warum fällt es uns manchmal so schwer, aus einer Strömung auszubrechen, die alle anderen für selbstverständlich halten?

Es gibt eine Geschichte aus meiner Kindheit, die mich bis heute begleitet. Der kleine schwarze Fisch von Samad Behrangi. Ein kleiner Fisch lebt in einem Bach. Alle kennen die Richtung, in die das Wasser fließt. Die anderen Fische haben sich daran gewöhnt. Aber dieser eine Fisch will wissen, wo der Bach endet. Er möchte nicht immer nur dort schwimmen, wo alle schwimmen. Er stellt Fragen, macht sich auf den Weg und begegnet der Angst, auch seiner eigenen.

Vielleicht habe ich mich in diesem Fisch wiedererkannt. Ich wollte nicht nur das sehen, was unmittelbar vor mir lag. Ich wollte hinter die nächste Kurve schauen. Wer mir sagte, dass etwas eben so sei, weil es immer so gewesen war, machte mich eher neugierig als gehorsam.

Mein Großvater hat mich mit einem Gedanken geprägt, den ich bis heute mit mir trage. Unabhängigkeit. Das ist ein großes Wort für ein Kind. Erst später begreift man, dass es nicht nur um Geld oder darum geht, niemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Für mich bedeutet es auch, selbst zu denken und die Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen.

Unabhängigkeit ist allerdings kein bequemer Zustand. Wer seinen eigenen Weg sucht, verirrt sich. Wer gegen den Strom schwimmt, muss mehr Kraft aufbringen. Und manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass die Umwege einen zu dem Menschen gemacht haben, der man heute ist.

Warmer Sonnenuntergang über einer Landschaft, Licht zwischen Himmel und Horizont
Manchmal weiß man nicht, was hinter dem Horizont liegt. Trotzdem geht man weiter.

Unsichtbare Grenzen

Ich bin im Iran aufgewachsen. Freiheit war für mich nie nur ein schönes Wort auf einem Plakat. Mich beschäftigte die Frage, wie viel vom eigenen Leben man tatsächlich selbst bestimmen darf. Ein Mensch kann sich frei fühlen und trotzdem von unsichtbaren Grenzen umgeben sein. Von Erwartungen, Gewohnheiten und der Angst, anders zu sein.

Solche Grenzen gibt es nicht nur in einem Land. Man findet sie in Familien, in Gesellschaften, in Berufen und manchmal tief in sich selbst. Manchmal braucht man viel Zeit, um überhaupt zu bemerken, dass man sie mit sich herumträgt.

Mich haben die Geschichten, Gedichte und Bilder meiner Herkunft begleitet. Auch Rumi, dessen Gedanken über Sehnsucht und den inneren Weg mich bis heute beschäftigen. Ich habe Freiheit nie als einen Punkt verstanden, an dem man endlich ankommt. Eher als eine Bewegung. Als die Bereitschaft, immer wieder neu zu fragen, was von dem, was ich denke, wirklich mein eigener Gedanke ist.

2. Ankommen und trotzdem weitergehen

Mein Weg führte mich nach Deutschland. Ich holte mein deutsches Abitur in Arolsen nach und schloss anschließend mein Studium der Kunststofftechnik in Darmstadt ab. Erst danach, 1997, kam ich nach Berlin. Diese Reihenfolge gehört zu meiner Geschichte. Berlin war nicht der Anfang meines Studiums, sondern der Anfang eines neuen Kapitels.

Berlin war für mich mehr als eine Stadt. Sie war eine Art Therapie. Ich traf Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen. Menschen, die sich neu erfanden, die experimentierten, die nicht jede Frage sofort beantworten mussten. Ich durfte ausprobieren, scheitern, wieder anfangen. Ich konnte herausfinden, wie ich eigentlich leben wollte.

Ich suchte meinen Weg nicht mit einer geraden Linie auf einer Landkarte. Ich nahm Umwege. Und manchmal hatte ich nicht einmal eine Karte. Es war nicht immer leicht. Aber ich wollte lieber meinen eigenen Fehler machen, als mein Leben nach einer Gebrauchsanweisung anderer Menschen zu führen.

Bemalter Trabant Kombi mit persischer Poesie und der Aufschrift Sehnsucht nach Orient
Mein Trabant Kombi. Auf dem Auto stand „Sehnsucht nach Orient“.

Meine Autos waren nie nur Autos

Ich habe damals Autos gefahren, die nicht gerade zu den üblichen Vorstellungen passten. Ein Auto ist zunächst ein Stück Metall. Es bringt einen von A nach B. Mit ihm transportiert man Sachen, baut einen Stand auf, fährt zur Arbeit. Aber mir fehlte etwas. Diese bunte Welt, die ich in mir trug, fehlte mir auch außen.

Also ließ ich meine Autos bemalen. Ich wollte diesen Gegenständen eine eigene Geschichte, fast ein eigenes Leben geben. Auf einem Trabant Kombi stand „Sehnsucht nach Orient“. Da waren Farben, Formen, Schrift und Poesie. Es war keine perfekte Welt, die ich damit zeigte. Es war meine Welt, mit ihren Widersprüchen, ihrer Sehnsucht und ihrer Lust am Leben.

Das galt für meine Kleidung später genauso. Ich wollte nicht nur Dinge herstellen, die funktionieren. Sie sollten etwas von der Person erzählen, die sie trägt. Vielleicht begann meine Arbeit als Designer lange bevor ich mich selbst so genannt habe.

Künstlerisch bemaltes Fahrzeug von vorn mit auffälligen Farbflächen
Auch ein Alltagsgegenstand konnte für mich zur Leinwand werden.
Blauer Bus mit Younes aus dem Familien- und Reisealbum
Unterwegs sein war ein Teil unseres Alltags und unserer gemeinsamen Geschichte.

Den Augenblick nicht vertagen

Es gab einen Gedanken, der sich immer wieder in meine Bilder und Gedichte schlich. Wir sollen den Augenblick, in dem wir leben, wahrnehmen und schätzen. Nicht, weil morgen alles vorbei sein muss. Sondern weil niemand weiß, wie der nächste Augenblick aussehen wird.

Die alten Worte Carpe Diem beschreiben für mich genau diese Haltung. Das Leben nicht ständig auf später verschieben. Nicht erst anfangen zu leben, wenn alle Rechnungen bezahlt, alle Probleme gelöst und alle Erwartungen erfüllt sind. Dann würde man vielleicht überhaupt nicht mehr anfangen.

Vielleicht klingt das romantisch. Ich weiß sehr gut, dass man arbeiten, rechnen und Entscheidungen treffen muss. Ich habe genug davon erlebt. Aber gerade deshalb möchte ich mir das Staunen nicht abgewöhnen. Auch das ist für mich eine Form von Freiheit.

3. Warum meine Linien Kurven machen

Wer meine Entwürfe kennt, hat wahrscheinlich bemerkt, wie oft Ornamente, Paisley-Formen, geschwungene Linien und Bögen darin vorkommen. Sie finden sich in Prints, Jacquards und Brokat. Diese Formen begleiten mich seit den Anfängen meiner Arbeit.

Ich mag Linien, die nicht sofort zum Ziel führen. Linien, die abbiegen, wieder zurückkommen, sich kreuzen und neue Räume öffnen. Wenn ich ein Paisley-Motiv zeichne, sehe ich darin nicht einfach Dekoration. Ich erkenne etwas von meiner Lebensphilosophie wieder.

Ein gerader Weg ist nicht automatisch der richtige. Eine Kurve kann uns etwas zeigen, das wir auf einer geraden Straße übersehen hätten. Und ein Umweg ist nicht immer verlorene Zeit.

Vielleicht suche ich deshalb in der Mode keine starre Uniform. Ich interessiere mich für Menschen mit Ecken, Kanten, Geschichten und Widersprüchen. Kleidung darf eine Form haben, die überrascht. Sie darf fremd wirken und trotzdem vertraut sein. Sie darf ein Gespräch beginnen.

Türkisfarbenes Ornamentmuster aus Hamids Designarbeiten
Ornamente als Erinnerung an Bewegung und die Wege, die nicht gerade verlaufen.
Farbenreiches Paisley-Motiv aus Hamids Entwürfen
Paisley, Bögen und fließende Linien begleiten meine Entwürfe seit dem Anfang.
Dunkelblaues Muster mit ornamentalen Formen
Ein eigener Weg muss nicht aussehen wie eine gerade Linie.
Schwarz-weißes grafisches Muster mit ornamentalen Details
Auch ohne Farbe erzählen Linien ihre Geschichte.
Schwarz-goldenes Ornament aus Hamids Musterwelt
Die Ornamentwelt ist für mich nicht nur Verzierung, sondern Ausdruck.

Kleidung und das Gefühl, dazuzugehören

Später wurde aus meiner Suche auch meine Arbeit mit Chapati. Ich wollte Kleidung entwerfen, in der ich meine Formensprache wiederfinde. Dabei ging es mir nie ausschließlich um ein Kleidungsstück. Mich interessierten die Menschen dahinter. Warum zieht jemand genau das an? Was möchte diese Person damit zeigen? Und warum erkennen sich Menschen manchmal durch eine Farbe oder einen Schnitt, bevor sie überhaupt miteinander gesprochen haben?

Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen einander nicht zuerst in Schubladen sortieren. Nicht nach Herkunft, Kleidung oder Lebenslauf. Vielleicht ist das ein zu großes Ziel für jemanden, der Mode macht. Aber auch eine kleine Begegnung kann etwas verändern.

Meine Arbeit war nie von meinem Leben zu trennen. Meine Familie, meine Herkunft, die Reisen, die Autos, die Musik, die Gedichte und die Menschen, denen ich begegnet bin, sind irgendwie in meine Entwürfe gewandert.

4. Kinder sind keine Kopien ihrer Eltern

Und dann gibt es einen Teil meines Lebens, der mir besonders nahegeht. Meine Kinder.

Ich habe mich oft gefragt, was Erziehung eigentlich bedeutet. Muss man Kindern ständig erklären, wie die Welt funktioniert? Muss man ihnen sagen, welcher Beruf der richtige ist, welchen Menschen sie vertrauen sollen, welchen Weg sie gehen müssen? Ich habe das nie so verstanden.

Als meine Kinder klein waren, habe ich ihnen persische Märchen erzählt. Manchmal habe ich Geschichten selbst erfunden. Beim Einschlafen entstanden Gedichte, die vermutlich in keinem Buch stehen. Wir gingen darin über sieben Berge, über sieben Flüsse und durch sieben Höllen. Dahinter warteten wieder neue Wege, neue Prüfungen und manchmal auch ein bisschen Unsinn. Denn Kinder brauchen nicht nur Antworten. Sie brauchen Bilder, Fantasie und die Freiheit, selbst weiterzudenken.

Am Ende dieser Geschichten blieb oft ein Gedanke. Wenn man wirklich etwas will und seinen Willen nicht verliert, kann man Berge versetzen. Nicht als Garantie dafür, dass alles gelingt. Sondern als Ermutigung, sich von der ersten Schwierigkeit nicht besiegen zu lassen.

Ich habe versucht, ihnen nicht meinen fertigen Lebensplan in die Hand zu drücken. Ich wollte ihnen zeigen, dass man selbst denken, selbst entscheiden und auch selbst irren darf. Dass die Welt größer ist als das, was einem gerade erzählt wird.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines lächelnden Vaters mit Brille und Bart, der ein lachendes kleines Kind im Arm hält
Younes und ich. Ein Augenblick voller Nähe, Lachen und Vertrauen.

Mein Stolz auf Younes und seine Geschwister

Younes ist inzwischen 28 Jahre alt. Wenn ich heute auf ihn schaue, sehe ich keinen kleinen Jungen mehr, dem ich eine Geschichte zum Einschlafen erzähle. Ich sehe einen erwachsenen Menschen, der seine eigenen Entscheidungen trifft. Und ich bin unglaublich stolz auf ihn.

Überhaupt bin ich ein unfassbar stolzer Vater meiner drei Kinder. Nicht, weil sie so geworden wären, wie ich sie mir ausgedacht hätte. Sondern gerade weil sie eigene Menschen geworden sind. Weil sie nicht einfach meine Wünsche wiederholen. Weil sie ihre eigenen Wege suchen, ihre eigenen Fragen stellen und aus ihren eigenen Erfahrungen lernen.

Natürlich hofft ein Vater, dass seine Kinder ihn verstehen. Ich hoffe auch, dass Younes in unseren gemeinsamen Jahren etwas von dem mitgenommen hat, was mir wichtig war. Aber ich muss ihm nicht jede Entscheidung abnehmen. Und ich muss nicht mit allem einverstanden sein, um ihn zu lieben und stolz auf ihn zu sein.

Wenn ich an unsere gemeinsamen Reisen und die Zeit auf Märkten oder Festivals denke, sehe ich ihn nicht nur als Begleiter. Ich sehe, wie wir gemeinsam unterwegs waren, wie sich Leben und Arbeit miteinander verbunden haben und wie aus diesen Erlebnissen Erinnerungen entstanden sind, die mich bis heute bewegen.

Hamid und Younes zusammen am selbst aufgebauten Festivalstand
Mit Younes unterwegs. Unsere gemeinsamen Wege gehören zu den kostbarsten Erinnerungen.
Vater mit zwei kleinen Kindern auf den Armen im Schnee

Dariusz und Emil gehen ihren eigenen Weg

Und genauso stolz bin ich auf meine beiden anderen Kinder, Dariusz und Emil. Sie sind jünger als Younes, aber auch sie sind längst dabei, ihren eigenen Weg zu entdecken.

Ich sehe, wie sie wachsen, ihre eigenen Vorstellungen entwickeln, Entscheidungen treffen und manchmal auch Umwege gehen. Genau das wünsche ich ihnen. Dass sie nicht versuchen, meinen Weg nachzugehen, sondern den Mut haben, ihre eigenen Wege zu finden.

Wenn ich dieses alte Foto betrachte, auf dem ich beide noch in meinen Armen trage, wird mir klar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Damals konnte ich sie noch beide gleichzeitig hochheben. Heute tragen sie ihre eigenen Träume.

Und darauf bin ich als Vater unglaublich stolz.

Was Khalil Gibran über Kinder verstanden hat

Es gibt einen Gedanken von Khalil Gibran aus Der Prophet, der mich in diesem Zusammenhang besonders berührt. Er beginnt mit den Worten: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder.“

Ich verstehe ihn so: Kinder kommen durch uns zur Welt, aber ihr Leben gehört ihnen. Wir können ihnen Liebe schenken, ihnen einen Ort geben, an dem sie sich sicher fühlen, und sie ein Stück begleiten. Ihre Gedanken können wir nicht besitzen. Ihre Zukunft dürfen wir nicht für sie schreiben.

Als Vater ist das nicht immer einfach. Man möchte beschützen. Man sieht Hindernisse, die ein Kind vielleicht noch nicht sieht. Man würde gern einen Umweg ersparen. Aber wenn ich meinen Kindern jede Kurve abnehmen würde, nähme ich ihnen auch die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu entdecken.

Vielleicht liegt die tiefste Form der Liebe nicht darin, jemanden festzuhalten, sondern darin, ihm die Freiheit zu lassen, zu wachsen. Und darauf bin ich stolz. Dass meine Kinder ihren Weg gehen. Nicht meinen, sondern ihren.

Der kleine Fisch schwimmt weiter

Manchmal sehe ich eine Verbindung zwischen meinem Großvater, dem kleinen schwarzen Fisch, meinen bemalten Autos, meinen Paisley-Ornamenten und meinen Kindern. Es ist immer dieselbe Frage in einer anderen Gestalt. Wem gehört mein Weg?

Ich habe mein Leben nicht immer so geführt, wie es vorgesehen war. Ich bin Kurven gefahren. Ich habe gesucht und gefunden, wieder verloren und neu angefangen. Ich habe Fehler gemacht. Und ich habe Momente erlebt, für die sich jeder Umweg gelohnt hat.

Wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben wollte, dann vielleicht nur dies: Seid neugierig. Habt keine Angst vor dem, was hinter der nächsten Kurve liegt. Und lasst euch nicht einreden, dass der Bach schon die ganze Welt ist.

Ich suche weiter, was schwer zu finden ist. Vielleicht ist gerade dieses Suchen das, was mich lebendig hält.

Und wie ist das bei euch?

Gab es in eurem Leben einen Menschen, der euch Mut zum eigenen Weg gemacht hat? Oder eine Geschichte aus eurer Kindheit, die euch bis heute begleitet? Ich freue mich über eure Gedanken, auch über Widerspruch. Denn ein Gespräch beginnt oft dort, wo wir nicht alle derselben Meinung sind.

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen

Kommentare erscheinen erst nach einer Prüfung, meist innerhalb eines Werktags. Es gelten unsere Regeln für Kommentare und Bewertungen.

Ich mache Mode. Und ich mache mir Sorgen.
Zwischen den Fäden · Hamids Blick auf die Welt · Folge 1